Rund 70 Prozent des Energieverbrauchs eines deutschen Haushalts entfallen auf Heizung und Warmwasser. Das klingt nach einem starken Argument fĂŒr Solarthermie. Gleichzeitig ist die Photovoltaik in den vergangenen zehn Jahren so gĂŒnstig geworden, dass sie heute fast jede Entscheidung dominiert. Wer eine Solaranlage plant, steht damit vor einer Frage, die auf dem Papier einfacher wirkt als in der Praxis.
Was die beiden Technologien grundsÀtzlich unterscheidet
Solarthermie wandelt Sonnenlicht direkt in WĂ€rme um. Die Kollektoren erhitzen ein TrĂ€germedium, das die Energie in einen Pufferspeicher ĂŒbertrĂ€gt. Typische Anwendungen sind TrinkwassererwĂ€rmung und die HeizungsunterstĂŒtzung. Photovoltaik dagegen erzeugt elektrischen Strom, der entweder selbst verbraucht, ins Netz eingespeist oder ĂŒber einen Speicher gepuffert wird. Der Wirkungsgrad moderner Solarthermiekollektoren liegt im Sommer bei 60 bis 70 Prozent der eintreffenden Strahlung â deutlich höher als bei PV-Modulen, die typischerweise 20 bis 23 Prozent erreichen. Der Unterschied tĂ€uscht jedoch: Thermische Energie lĂ€sst sich nur als WĂ€rme nutzen, elektrische Energie dagegen fĂŒr nahezu alles.
Wo Solarthermie ihre StÀrken hat
Solarthermie rechnet sich am ehesten dort, wo der Warmwasserbedarf hoch und der HeizwĂ€rmebedarf moderat ist. Ein Vier-Personen-Haushalt benötigt pro Jahr etwa 2.000 bis 2.500 kWh fĂŒr Trinkwasser. Eine Anlage mit 4 bis 6 Quadratmeter KollektorflĂ€che kann davon im Jahresmittel rund 50 bis 60 Prozent solar abdecken â der Rest muss aus dem Heizkessel oder einer WĂ€rmepumpe kommen. Kombiniert man Solarthermie mit einem Niedertemperatursystem, lĂ€sst sich auch ein Teil der Heizlast abdecken. Allerdings ist der Bedarf genau dann am höchsten, wenn die Sonneneinstrahlung am schwĂ€chsten ist: im Winter.
Die Technik ist ausgereift und erprobt. FĂŒr BestandsgebĂ€ude mit fossiler Heizung und ohne WĂ€rmepumpe war Solarthermie lange die naheliegende ErgĂ€nzung. Seit dem GebĂ€udeenergiegesetz (GEG) 2024 und dem Auslaufen vieler alter Gasheizungen rĂŒckt jedoch die Frage in den Vordergrund, welche Gesamtkonstellation die gĂŒnstigste ist.
Warum PV in den meisten FĂ€llen die flexiblere Wahl ist
Photovoltaik erzeugt Strom, der sich fĂŒr Heizung, Warmwasser, ElektromobilitĂ€t und alle anderen Verbraucher einsetzen lĂ€sst. Wer eine WĂ€rmepumpe betreibt, kann den selbst erzeugten Strom direkt zur WĂ€rmeerzeugung nutzen â der Systemwirkungsgrad liegt dann, je nach WĂ€rmepumpen-COP, bei 200 bis 400 Prozent bezogen auf den eingesetzten Solarstrom. Das ist thermodynamisch effizienter als eine vergleichbare SolarthermieflĂ€che. Hinzu kommt die EinspeisevergĂŒtung nach EEG: Seit 2023 liegt sie fĂŒr Anlagen bis 10 kWp bei 8,2 Cent je kWh (Stand Herbst 2024, SĂ€tze werden quartalsweise angepasst). Nicht eingespeister Strom spart Bezugskosten von durchschnittlich 30 bis 35 Cent je kWh â der Eigenverbrauch ist also mehr als dreimal so wertvoll wie die Einspeisung.
Ein konkretes Rechenbeispiel
Ein Einfamilienhaus in Mitteldeutschland, Satteldach, Ausrichtung SĂŒd, 35 Grad Neigung, nutzbarer Bereich 40 Quadratmeter:
- PV-Anlage 8 kWp: Investition rund 12.000 Euro (brutto, inkl. Installation). Jahresertrag laut PVGIS etwa 8.000 kWh. Eigenverbrauchsquote 35 Prozent (2.800 kWh), Einspeisung 5.200 kWh. Ersparnis Eigenverbrauch: 2.800 Ă 0,32 ⏠= 896 âŹ. EinspeisevergĂŒtung: 5.200 Ă 0,082 ⏠= 426 âŹ. Gesamt: ca. 1.322 ⏠pro Jahr. Amortisation: rund 9 Jahre.
- Solarthermie 6 mÂČ: Investition rund 5.500 Euro. Solare Deckung Warmwasser ca. 1.400 kWh/Jahr, entspricht eingesparter Gasenergie bei 8 Cent/kWh (Brennwert) rund 112 ⏠pro Jahr. Amortisation: ĂŒber 40 Jahre â ohne Gaspreisanstieg kaum wirtschaftlich.
Das Beispiel vereinfacht, zeigt aber die GröĂenordnungen. Mit steigendem Strompreis und fallendem Modulpreis verbessert sich die PV-Bilanz weiter; bei der Solarthermie sind die wesentlichen Kostentreiber die SystemkomplexitĂ€t und die Wartung.
Welche Faktoren die Entscheidung wirklich bestimmen
Die Wahl hĂ€ngt von mehreren Parametern ab, die sich fĂŒr jede Immobilie unterscheiden:
- Heizsystem: WĂ€rmepumpe kombiniert optimal mit PV; Gasheizung im Bestand kann kurzfristig von Solarthermie profitieren, ist aber langfristig eine Sackgasse (GEG-Pflicht zur Transformation ab 2024)
- DachflĂ€che und Ausrichtung: Kleine oder stark verschattete DĂ€cher begrenzen PV-Ertrag; Solarthermie benötigt weniger FlĂ€che fĂŒr denselben WĂ€rmeeffekt
- Warmwasserbedarf: GroĂe Haushalte mit hohem Duschverbrauch können thermische ErtrĂ€ge besser nutzen
- Eigenverbrauchsprofil: Homeoffice, Elektroauto und WÀrmepumpe erhöhen den Eigenverbrauch und verbessern die PV-Wirtschaftlichkeit erheblich
- Förderung: BEG (Bundesförderung fĂŒr effiziente GebĂ€ude) und BAFA-Mittel gelten fĂŒr beide Technologien, Konditionen und FördersĂ€tze werden regelmĂ€Ăig angepasst â eine aktuelle PrĂŒfung vor Antragstellung ist unerlĂ€sslich
Kombination: sinnvoll oder Platzverschwendung?
Manche Hersteller und Installateure empfehlen Hybridanlagen, die Solarthermie und PV auf derselben FlĂ€che kombinieren. Diese sogenannten PVT-Kollektoren kĂŒhlen das PV-Modul und gewinnen dabei NiedertemperaturwĂ€rme, die einer Sole-Wasser-WĂ€rmepumpe zugefĂŒhrt werden kann. Die Technik ist ausgereift, aber die Investition ist erheblich und die Wirtschaftlichkeitsrechnung komplex. FĂŒr die meisten Eigenheimbesitzer ist eine groĂflĂ€chige PV-Anlage in Kombination mit einer effizienten WĂ€rmepumpe die wirtschaftlichere und wartungsĂ€rmere Lösung. Wer auf einer kleinen SĂŒdflĂ€che maximale WĂ€rmeertrĂ€ge braucht, kann Solarthermie trotzdem sinnvoll einsetzen.
Was das fĂŒr Ihre Planung bedeutet
Bevor Sie Angebote einholen, lohnt ein Blick auf die Ausgangsdaten Ihres GebÀudes: Wie groà und wie ausgerichtet ist die tatsÀchlich nutzbare DachflÀche? Wie hoch ist die spezifische Globalstrahlung an Ihrer Adresse? Gibt es relevante Verschattung durch NachbargebÀude oder Gauben? Das HausDossier ermittelt diese Kennwerte auf Basis amtlicher GebÀude- und Einstrahlungsdaten und gibt Ihnen eine solide Grundlage, bevor Sie mit Planern oder Installatoren sprechen.
Wie viel Solar passt auf Ihr Dach?
Das HausDossier berechnet fĂŒr Ihre Adresse das nutzbare Solarpotenzial auf Basis amtlicher GebĂ€ude- und Einstrahlungsdaten â inklusive DachflĂ€che, Ausrichtung und Verschattung.
