HausDossier
ZurĂĽck zum Ratgeber
TECHNIK & INNOVATION

Bauen mit Holz und nachwachsenden Rohstoffen: der Trend erklärt

· HausDossier Redaktion · 4 Min. Lesezeit

Rund 20 Prozent aller neu genehmigten Wohngebäude in Deutschland wurden 2023 überwiegend in Holzbauweise errichtet – vor zehn Jahren lag der Anteil noch unter 12 Prozent. Wer diese Zahl hört, fragt sich zu Recht, was dahinter steckt: technischer Fortschritt, Klimadebatte, Förderlogik oder schlicht ein Marketingtrend? Die Antwort ist: alles davon, in unterschiedlichem Maß.

Was unter „nachwachsende Rohstoffe" fällt

Der Begriff ist weiter, als er zunächst klingt. Gemeint sind Baumaterialien, deren Ausgangsstoff biologisch nachwächst und CO₂ während des Wachstums bindet. Dazu gehören in der Praxis vor allem Konstruktionsholz (Massivholz, Brettsperrholz, Brettschichtholz), Holzfaserplatten als Dämmung, Zellulose aus Altpapier, Stroh in Ballenform, Hanf- und Flachsfasern sowie Schafwolle. Weniger verbreitet, aber im Spezialmarkt präsent: Schilfrohrplatten und Korkplatten. Nicht dazu zählen Bambus (botanisch ein Gras, aber vergleichbar in der Logik) oder biogene Kunststoffe — beide fallen in eigene Kategorien. Für den Hausbesitzer sind die ersten vier Gruppen relevant, weil sie sowohl für Neubauten als auch für Sanierungen verfügbar sind.

Die Klimabilanz: COâ‚‚-Speicher oder Rechentrick?

Holz bindet Kohlenstoff, solange es im Gebäude verbaut ist. Ein Kubikmeter Nadelholz enthält etwa 250 kg CO₂-Äquivalent, die nicht in die Atmosphäre entweichen. Das klingt eindeutig — ist es aber nur unter Bedingungen. Entscheidend ist, was nach dem Rückbau passiert: Wird das Holz energetisch genutzt (verbrannt), wird der gebundene Kohlenstoff sofort freigesetzt. Wird es wiederverwendet oder in Holzwerkstoffen weitergeführt, verlängert sich die Speicherdauer. Die europäische Bauproduktenverordnung (EU-BauPVO) und das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz verlangen zunehmend Umweltproduktdeklarationen (EPD), die diese Lebenszyklusbetrachtung abbilden. Wer die Klimabilanz eines Bauvorhabens wirklich verstehen will, sollte daher nicht nur auf den verbauten Rohstoff schauen, sondern auf die gesamte Ökobilanz nach ISO 14044.

Bauphysik: Was Holz besser kann – und wo es Grenzen hat

Holz hat gegenüber Beton und Ziegelmauerwerk eine deutlich geringere Rohdichte (Fichte ca. 450 kg/m³ gegenüber Normalbeton mit 2.400 kg/m³). Das reduziert die Fundament- und Deckenlasten, beschleunigt den Aufbau und erleichtert das Bauen auf eingeschränkten Bodentragfähigkeiten. Gleichzeitig ist die Wärmespeicherkapazität von Holzwerkstoffen deutlich höher als bei EPS-Dämmplatten: Holzfaser erreicht spezifische Wärmekapazitätswerte von ca. 2.100 J/(kg·K), was den sommerlichen Wärmeschutz verbessert. Die Schwäche liegt im Feuchtemanagement. Holz ist hygroskopisch; falsch geplante Aufbauten ohne durchdachte Dampfbremse oder diffusionsoffene Konstruktion können zu Taupunktproblemen und Schimmel führen. Der Taupunkt muss rechnerisch nachgewiesen werden — im GEG ist das über DIN 4108 geregelt.

Kosten und Förderung: Was realistisch ist

Holzbauweise kostet im Neubau je nach Ausbaustandard grob 5 bis 15 Prozent mehr als konventioneller Massivbau. Das klingt überschaubar — tatsächlich variiert der Wert erheblich nach Region, Betriebsgröße des Zimmerers und Komplexität des Grundrisses. Bei der Sanierung sieht es anders aus: Holzfaserplatten als Außendämmung kosten 70–110 €/m² (Material; Preise können stark variieren), EPS vergleichbarer Dicke 40–65 €/m². Die höheren Materialkosten werden durch die BEG-Förderung (Bundesförderung für effiziente Gebäude) teilweise ausgeglichen — das BAFA zahlt derzeit bis zu 20 Prozent der förderfähigen Kosten bei Einzelmaßnahmen mit iSFP-Bonus, unabhängig vom gewählten Dämmstoff. Maßgeblich ist der erreichte U-Wert, nicht das Material (Stand 2025, Förderkonditionen ändern sich regelmäßig).

Ein konkretes Rechenbeispiel: Ein Einfamilienhaus aus dem Jahr 1972 soll das Dachgeschoss nachträglich dämmen. Die Sparrenfläche beträgt 90 m², die Holzsparren sind 20 cm tief. Eine Kombination aus 20 cm Zwischensparrendämmung mit Holzfaser (λ = 0,040 W/(m·K)) und 6 cm Aufsparrendämmung (λ = 0,038 W/(m·K)) ergibt einen U-Wert von ca. 0,14 W/(m²·K). Materialkosten für Holzfaser: rund 95 €/m², Verarbeitung ca. 55 €/m², Gesamtkosten 90 m² × 150 €/m² = 13.500 € brutto. BAFA-Förderung bei 20 %: 2.700 €. Nettoinvestition: 10.800 €. Der jährliche Heizwärmeverlust über die Dachfläche sinkt bei einer Verbesserung des U-Werts von 0,80 auf 0,14 W/(m²·K) und 2.400 Heizgradtagen um rund 1.425 kWh/a. Bei einem Wärmepumpen-Arbeitspreis von 30 ct/kWh entspricht das ca. 430 € Ersparnis jährlich — eine einfache Amortisationszeit von gut 25 Jahren, mit Förderung etwa 20 Jahre.

Welche nachwachsenden Rohstoffe wo eingesetzt werden

Die Wahl des Materials hängt stark vom Bauteil ab:

  • AuĂźenwand (WDVS oder hinterlĂĽftete Fassade): Holzfaserplatten, Hanfmatten — geeignet, aber Aufpreis gegenĂĽber EPS einkalkulieren
  • Dachschräge (Zwischensparren): Holzfaser und Zellulose bewährt; Zellulose kann nachgeblasen werden ohne Ă–ffnung der Konstruktion
  • Oberste Geschossdecke: Zellulose-Einblasdämmung kosteneffizient, wenn Hohlraum zugänglich ist
  • Neubau-AuĂźenwand: Holzrahmenbau mit Holzfaserdämmung oder Massivholzwand (Brettsperrholz) — beides möglich, planerischer Aufwand höher
  • Keller und erdberĂĽhrende Bauteile: Nachwachsende Rohstoffe selten geeignet wegen dauerhafter Feuchtebelastung; hier bleibt meist Perimeterdämmung aus EPS oder XPS die Norm

Normen, Genehmigung und GEG

Das Gebäudeenergiegesetz (GEG) unterscheidet nicht nach Materialgruppen, sondern nach Leistungsanforderungen: U-Werte, Primärenergiebedarf, Anforderungen an die Luftdichtheit. Holzbauweisen müssen dieselben Grenzwerte erfüllen wie konventionelle Konstruktionen. Die Landesbauordnungen regeln den Brandschutz; mehrgeschossige Holzgebäude (Gebäudeklassen 4 und 5) erfordern seit Novellierungen zwischen 2015 und 2022 in vielen Bundesländern keinen automatischen Wechsel zu nicht brennbaren Materialien mehr — sofern geprüfte Systeme und Nachweise vorliegen. Die KfW fördert Effizienzhäuser (KfW-Effizienzhaus 40, 55, 70) unabhängig von der Bauweise, solange die energetischen Kennwerte stimmen. Holzbau kann diese Schwellen oft leichter erreichen, weil die Gebäudehülle konstruktionsbedingt weniger Wärmebrücken aufweist.

Was das für Bestandsgebäude bedeutet

Neubau in Holzbauweise ist die medienpräsente Seite des Trends. Der größere Hebel liegt im Bestand. Etwa 19 Millionen Wohngebäude in Deutschland sind sanierungsbedürftig; bei einem Großteil lassen sich einzelne Bauteile mit nachwachsenden Rohstoffen dämmen, ohne die Konstruktion grundlegend zu verändern. Ob das sinnvoll ist, hängt von Baualterklasse, Bauteilaufbau und Feuchtehaushalt ab — Faktoren, die sich ohne Voruntersuchung nicht pauschal beantworten lassen.

Wer wissen möchte, welche Baualtersklasse und Hüllenstruktur das eigene Gebäude hat, findet im HausDossier eine Zusammenfassung auf Basis amtlicher Daten — als Ausgangspunkt, bevor ein Energieberater oder Zimmerer hinzugezogen wird.

IHRE ADRESSE

Wie gut ist Ihr Haus fĂĽr Holz- und Naturbauprojekte geeignet?

Das HausDossier zeigt auf Basis amtlicher Daten, welche Baualtersklasse, Dachform und Hüllenstruktur Ihr Gebäude hat – die Grundlage für jede Entscheidung zur Dämmung oder zum Umbau mit nachwachsenden Rohstoffen.

Datencheck kostenlos Kein Konto nötig Vollständiger Bericht 19,99 €
WEITERLESEN