Rund 400 Gramm CO₂ pro Kilowattstunde — so hoch lag der durchschnittliche Emissionsfaktor des deutschen Strommixes im Jahr 2022. 2023 sank er auf etwa 380 g/kWh, Tendenz weiter fallend. Diese eine Zahl entscheidet darüber, ob eine Wärmepumpe im Vergleich zu einem Gasbrennwertkessel klimafreundlich ist oder nicht. Und sie verändert sich je nach Tageszeit, Jahreszeit und Wetterlage erheblich.
Der Strommix ist keine Konstante
Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hat den Anteil erneuerbarer Energien am deutschen Bruttostromverbrauch bis 2023 auf rund 59 Prozent angehoben. Im ersten Halbjahr 2024 lag er sogar kurzweise über 60 Prozent. Klingt gut — doch der Durchschnittswert verschleiert, was tatsächlich passiert: An windstarken Frühlingstagen kann der Emissionsfaktor auf unter 100 g/kWh fallen, an einer dunklen Winternacht mit Windflaute steigt er auf über 600 g/kWh. Für die Wärmepumpe und das E-Auto bedeutet das: Der Zeitpunkt des Stromverbrauchs ist energiepolitisch fast so bedeutsam wie die Menge.
Was das für die Wärmepumpe konkret bedeutet
Eine Wärmepumpe erzeugt je nach Betriebspunkt und Außentemperatur aus einer Kilowattstunde Strom zwei bis fünf Kilowattstunden Wärme — das beschreibt die Jahresarbeitszahl. Bei einer JAZ von 3,0 und einem Strommix-Emissionsfaktor von 380 g/kWh entstehen effektiv etwa 127 g CO₂ pro erzeugter Kilowattstunde Wärme. Ein moderner Gasbrennwertkessel liegt bei rund 200 g CO₂/kWh (inklusive Vorkette). Die Wärmepumpe liegt also heute in Deutschland im Jahresmittel bereits günstiger — aber nur, wenn die JAZ stimmt. Im ungünstigsten Betrieb, etwa mit alten Hochtemperatur-Heizkörpern und einer JAZ nahe 2,0, dreht sich das Verhältnis um.
Rechenbeispiel: Einfamilienhaus, 15.000 kWh Wärmebedarf
Ein typisches Einfamilienhaus aus den 1980er-Jahren hat einen jährlichen Wärmebedarf von rund 15.000 kWh. Mit einer Luft-Wasser-Wärmepumpe und einer JAZ von 3,0 werden dafür 5.000 kWh Strom benötigt. Bei einem Arbeitspreis von 30 Cent/kWh (Stand: Ende 2024; Preise ändern sich, Konditionen bei Ihrem Versorger prüfen) entstehen Heizkosten von 1.500 Euro pro Jahr. Ein Gasbrennwertkessel mit einem Jahresnutzungsgrad von 90 Prozent benötigt für dieselbe Wärme rund 16.667 kWh Gas; bei einem Gaspreis von 9 Cent/kWh ergibt das 1.500 Euro — also exakt das Gleiche. Der CO₂-Preis nach BEHG, der seit 2024 bei 45 Euro pro Tonne liegt und bis 2026 auf 55 Euro steigen soll, verteuert Gas zusätzlich um etwa 90 Euro pro Jahr (bei 16.667 kWh). Die Wärmepumpe zieht hier also mittelfristig davon — vorausgesetzt, der Haushalt nutzt günstigen Nachtstrom oder eigenen Photovoltaik-Strom.
E-Auto: dieselbe Logik, andere Größenordnung
Beim E-Auto gilt das gleiche Prinzip. Wer seinen Akku nachts zwischen zwei und fünf Uhr lädt, trifft je nach Jahreszeit auf einen anderen Strommix als beim Laden am Mittag, wenn Photovoltaikanlagen im ganzen Land einspeisen. Im Jahresmittel liegt der CO₂-Vorteil eines E-Autos gegenüber einem Benziner bei deutschen Strombedingungen heute bei rund 40 bis 50 Prozent — das zeigen Lebenszyklusanalysen des Umweltbundesamts (2023). Aber dieser Wert setzt den Bundesdurchschnitt voraus. Wer zu Hause laden und dabei eigene Photovoltaik nutzen kann, drückt die Emissionen des Ladestroms auf nahezu null. Wer ausschließlich an Schnellladestationen mit Kohlestrom-lastiger Nacht-Residuallast lädt, liegt schlechter.
Was sich durch mehr Erneuerbare ändert
Die Bundesregierung plant im Rahmen des EEG, den Anteil erneuerbarer Energien bis 2030 auf 80 Prozent zu steigern. Wenn das gelingt, sinkt der durchschnittliche Emissionsfaktor des Stroms weiter — und die CO₂-Bilanz von Wärmepumpe und E-Auto verbessert sich automatisch, ohne dass an den Geräten selbst etwas geändert wird. Das ist der strukturelle Vorteil der Elektrifizierung: Ein Gaskessel kann nur so sauber sein wie das Gas, das er verbrennt. Eine Wärmepumpe hingegen profitiert passiv von jedem neuen Windrad und jeder neuen Solaranlage im Netz.
Was Eigentümer jetzt beachten sollten
Wer eine Wärmepumpe oder ein E-Auto plant, sollte folgende Punkte kennen:
- JAZ und Vorlauftemperatur: Je niedriger die nötigen Vorlauftemperaturen, desto höher die JAZ und desto besser die CO₂- und Kostenbilanz. Flächenheizungen sind deshalb günstiger als alte Heizkörper.
- Eigenstromanteil: Eine Photovoltaikanlage verändert die Rechnung erheblich. Strom, der nicht ins Netz eingespeist wird, sondern direkt die Wärmepumpe antreibt, kostet effektiv nur den Solarertrag — also deutlich unter Marktpreis.
- Ladesoftware beim E-Auto: Viele Wallboxen und Ladesysteme können Ladezeitfenster festlegen oder dynamisch auf Börsenstrompreise reagieren. Das reduziert Kosten und CO₂-Emissionen.
- Förderung: Die BEG-Förderung für Wärmepumpen (BAFA) und die KfW-Programme für energetische Sanierung ändern sich regelmäßig. Aktuelle Fördersätze und Antragsbedingungen sollten immer direkt bei der jeweiligen Stelle abgefragt werden.
- CO₂-Preis-Entwicklung: Der steigende CO₂-Preis nach BEHG macht fossile Energieträger systematisch teurer — das verbessert die relative Wirtschaftlichkeit elektrischer Systeme Jahr für Jahr.
Der Strommix als Planungsgröße
Wer heute investiert, kauft nicht nur eine Technologie für den heutigen Strommix — sondern für den Strommix der nächsten 20 Jahre. Das ist der entscheidende Unterschied zu früheren Entscheidungen. Ein Gaskessel, der 2005 eingebaut wurde, lief in einer Zeit, in der Gas vergleichsweise günstig war; heute sieht die Rechnung anders aus. Eine Wärmepumpe, die 2025 installiert wird, läuft in einem Stromnetz, das bis 2045 weitgehend dekarbonisiert sein soll. Die Technologie-Entscheidung und die Strommix-Entwicklung sind nicht voneinander zu trennen.
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