Rund 40 Prozent aller WohngebĂ€ude in Deutschland stammen aus der Zeit vor 1960. Wer in einem solchen Haus aufgewachsen ist oder eines saniert, hat den Satz fast unweigerlich gehört: âAber das Haus muss doch atmen!" Gemeint ist meistens die Sorge, dass eine DĂ€mmung oder Abdichtung den Feuchtigkeitstransport blockiert und Schimmel entsteht. Die Aussage klingt einleuchtend. Sie ist trotzdem falsch â zumindest in der Form, in der sie meist verwendet wird.
Was Physiker unter âAtmen" verstehen
GebĂ€ude transportieren Feuchtigkeit auf zwei grundlegend verschiedenen Wegen. Der erste ist Diffusion: WasserdampfmolekĂŒle wandern durch feste Materialien, angetrieben vom Druckunterschied zwischen innen (warm, feucht) und auĂen (kalt, trocken). Dieser Vorgang ist langsam und mengenmĂ€Ăig gering â ein Mauerwerk aus Vollziegeln lĂ€sst pro Quadratmeter und Tag nur wenige Gramm Wasserdampf diffundieren. Der zweite Weg ist Konvektion: Luft strömt durch Fugen, Risse und undichte AnschlĂŒsse und trĂ€gt dabei erheblich mehr Feuchtigkeit mit sich. Wenn Handwerker von einem âatmenden" Haus sprechen, meinen sie fast immer unbewusst diesen zweiten Weg â also Leckagen, keine bauphysikalisch gewollte Diffusion.
Der Ursprung des MissverstÀndnisses
Der Begriff geht wohl auf den dĂ€nischen Architekten und Hygieniker Knud Clemmensen zurĂŒck, der ihn in den 1940er-Jahren prĂ€gte, um den Feuchtigkeitsaustausch von Wandkonstruktionen zu beschreiben. Gemeint war damit ursprĂŒnglich die FĂ€higkeit von Baustoffen, Feuchtigkeit kurzzeitig zu puffern und wieder abzugeben â also Sorption, kein aktiver Luftaustausch. Im Volksmund wurde daraus die Vorstellung, die WĂ€nde mĂŒssten offen bleiben, damit das Haus ânicht erstickt". Diese Ăbersetzung von einem technischen Konzept in eine Alltagsmetapher ist der Ursprung aller nachfolgenden MissverstĂ€ndnisse.
Was tatsÀchlich gegen Schimmel hilft
Schimmel entsteht nicht, weil WĂ€nde zu dicht sind. Er entsteht, wenn Feuchtigkeit kondensiert â und das passiert an kalten OberflĂ€chen, an denen die Lufttemperatur den Taupunkt unterschreitet. Die relevanten Faktoren sind:
- OberflĂ€chentemperatur: Je schlechter gedĂ€mmt, desto kĂ€lter die Innenwand, desto frĂŒher kondensiert Feuchte.
- LĂŒftungsverhalten: Zu wenig LĂŒften erhöht die Raumluftfeuchte dauerhaft.
- WĂ€rmebrĂŒcken: Balkonplatten, FensterstĂŒrze und AuĂenwandecken sind klassische KĂ€ltestellen.
- Konvektionsströmungen: Undichte Konstruktionen transportieren feuchte Luft dorthin, wo sie kondensiert.
Ein Haus mit hoher Luftdichtheit und kontrollierter LĂŒftungsanlage schimmelt also nicht â ganz im Gegenteil. Es lĂ€sst sich gezielt be- und entlĂŒften, ohne dass feuchte Raumluft unkontrolliert in HohlrĂ€ume und BauteilanschlĂŒsse gelangt.
Das Rechenbeispiel: Was undichte Fugen kosten
Ein Einfamilienhaus aus den 1970er-Jahren mit 140 mÂČ WohnflĂ€che hat bei einer typischen Blower-Door-Messung (Luftwechselrate n50) oft einen Wert von 4 bis 6 hâ»Âč â der aktuelle GEG-Grenzwert fĂŒr Neubauten ohne LĂŒftungsanlage liegt bei 3 hâ»Âč, mit Anlage bei 1,5 hâ»Âč. Bei einem n50-Wert von 5 hâ»Âč entweichen rund 30 % der HeizwĂ€rme ĂŒber Leckagen. Bei einem Jahresheizenergiebedarf von 20.000 kWh und einem Gaspreis von 0,12 âŹ/kWh (Angaben variieren je nach Tarif und Zeitpunkt) entspricht das etwa 720 ⏠Leckage-Heizkosten pro Jahr â Geld, das direkt durch Ritzen und AnschlĂŒsse nach drauĂen strömt, ohne dem Raum zu nĂŒtzen. Eine Luftdichtheitsebene kostet bei der Sanierung je nach Aufwand zwischen 3.000 und 8.000 âŹ, amortisiert sich aber durch die eingesparten Heizkosten in weniger als zehn Jahren.
Diffusionsoffene Konstruktionen: sinnvoll, aber kein Freifahrtschein
Es gibt bauphysikalisch gute GrĂŒnde, bei bestimmten Konstruktionen diffusionsoffene Materialien zu bevorzugen. Holzrahmenbau und InnendĂ€mmung mit Holzfaser oder Zellulose verzeihen kleinere Planungsfehler eher als Konstruktionen mit Dampfsperren aus Kunststofffolie, weil sie Feuchte kurzzeitig puffern können. Das GebĂ€udeenergiegesetz (GEG) schreibt keine bestimmten Materialien vor, sondern einen hygienisch einwandfreien und energetisch ausreichenden Zustand. Die KfW fördert ĂŒber das Bundesförderungsprogramm fĂŒr effiziente GebĂ€ude (BEG) auch Sanierungen mit diffusionsoffenen Aufbauten â Bedingung ist immer der Nachweis, dass die Konstruktion frei von Tauwasserausfall bleibt, etwa per Glaser-Verfahren oder Feuchtesimulation.
Was das fĂŒr die Sanierungsentscheidung bedeutet
Wer sein Haus dĂ€mmen möchte, muss keine Angst vor dem âErsticken" haben. Entscheidend ist, dass Planung, Materialwahl und AusfĂŒhrung zusammenpassen: Eine Dampfsperre auf der Innenseite einer AuĂenwand muss auch wirklich dicht ausgefĂŒhrt werden, weil jede Fehlstelle zum Kondensatpunkt wird. Ein diffusionsoffener Aufbau verlangt Materialien mit passenden Lambda-Werten und Sorptionseigenschaften. Und in beiden FĂ€llen gilt: LĂŒftungskonzept mitdenken. Das GEG fordert seit 2023 bei wesentlichen Sanierungen ein MindestlĂŒftungskonzept; ein Individueller Sanierungsfahrplan (iSFP) berĂŒcksichtigt diesen Aspekt systematisch.
Der Mythos hĂ€lt sich, weil er ein echtes Unbehagen adressiert: FeuchteschĂ€den sind real, teuer und vermeidbar. Nur liegt die Lösung nicht in bewusst undichten WĂ€nden, sondern in durchdachter Konstruktion und ausreichend LĂŒftung.
Welche Baualtersklasse Ihr Haus hat, welche U-Werte die AuĂenwĂ€nde wahrscheinlich aufweisen und wo typische WĂ€rmebrĂŒcken liegen â das HausDossier zieht diese EinschĂ€tzung aus amtlichen GebĂ€udedaten und zeigt sie strukturiert fĂŒr Ihre Adresse auf.
Wie gut atmet Ihr Haus wirklich â und was kostet es Sie?
Das HausDossier wertet fĂŒr Ihre Adresse Baujahr, GebĂ€udehĂŒlle und Energiekennwerte aus amtlichen Daten aus und zeigt, wo Feuchtigkeit und WĂ€rmeverluste wahrscheinlich entstehen.
